Digitalisierung - ePA 2.0 soll 2023 mit digitalen Identitäten starten

Die neue elektronische Patientenakte (ePA) soll 2023 mit digitalen Identitäten starten. Das ist die Voraussetzung für den ePA-Opt-Out, kündigte Gematik-Chef Leyck Dieken am Donnerstag in Berlin an. Indes signalisiert die BMG-Digitalisierungschefin Ozegowsky Verständnis für den Frust der Ärzte.

ePA 2.0 soll 2023 mit digitalen Identitäten starten

Ozegowski: „Die ePA muss für Ärzte easy going sein.“
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Mit der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen hapert es noch an vielen Stellen. Ein Beispiel nannte Dr. Susanne Ozegowski, Abteilungsleiterin für Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium, am Donnerstagnachmittag beim Hauptstadtkongress in Berlin. Demnach kann es vorkommen, dass der elektronische Medikationsplan im Praxisverwaltungssystem nur als pdf angezeigt wird, was zu Folge hat, dass der Arzt alles abtippen muss, wenn er den Plan aktualisieren will.

„Das kann es einfach nicht sein, und da kann ich auch verstehen, wenn ein Arzt keine Lust darauf hat“, sagte sie. An dieser Stelle sei die Industrie gefordert. Sie habe „die ganz wichtige Verantwortung, nicht nur abzuarbeiten, was in einem Workflow drinsteht, sondern etwas so zu gestalten, dass es auch Spaß macht, damit zu arbeiten“, sagte sie. Ein Problem sei auch, dass kein Arzt heute ein PVS habe, mit dem er einen strukturierten Datensatz in die ePA schreiben könne. „Gleiches gilt für die Konnektoren, die das auch noch nicht können.“

Auch die Ärzte nahm Ozegowski in die Verantwortung. „Das Mindset muss sein: Ich lege jetzt mal los, ich probiere es aus und starte damit.“ So sieht sie beim eRezept den Zeitpunkt gekommen, wo es in die Fläche muss. Es seien keine Sanktionen geplant, wenn der Rollout ab September in zwei Bundesländern beginnt. „Aber natürlich sind alle Ärztinnen und Ärzte aufgefordert, sich nicht zurückzulehnen.“

Damit die ePA in der Fläche ankommt, sind aus Ozegowskis Sicht mehrere Schritte nötig. Der Opt-Out allein genüge dafür nicht. „Aber selbst, wenn wir diese Schritte alle umsetzen, wird die ePA nicht von heute auf morgen fliegen.“ Es sei die Verantwortung der Kassen, ihre Versicherten zu informieren und die Verantwortung der Ärzte, die ePA zu befüllen. Die BMG-Digitalisierungs-Chefin zeigte sich „dankbar für die Signale aus der Ärzteschaft, die zeigen: Wir wollen eigentlich, aber gebt uns die Tools, die etwas bringen“. Die ePA müsse so gestaltet sein, „dass es auf der ärztlichen Seite im normalen Arbeitsprozess easy going ist, Dokumente und Daten einzustellen. Das muss ganz normal sein. Das ist die Zielsetzung die wir da haben“, sagte sie.

 

ePA 2.0 soll 2023 mit digitalen Identitäten starten

Leyck Dieken: „TI-Messenger kann KIM ablösen.“
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Leyck Dieken: „Das eRezept ist besser als viele meinen“

Einige der Schritte, die bis zum ePA-Opt-Out noch nötig sind, skizzierte Gematik-Geschäftsführer Dr. Markus Leyck Dieken. So werde zunächst die TI 2.0 mit der elektronischen Identität kommen. „Mit der eIektronischen Identität schaffen wir eine Grundlage für die Opt-Out-ePA“, sagte Leyck Dieken. Er hoffe, dass es 2023 soweit komme, „denn dann haben wir strukturierte Daten“.

Leyck-Dieken warb auch für das eRezept. Es sei ein weit besseres Produkt als viele glauben würden. „Es beruht zum ersten Mal auf internationalen Standards.“ Alle Vorgänger-Produkte der Gematik seien auch deshalb so hölzern, weil sie auf Standards beruhen, die es gar nicht gebe.

Die Frage, ob noch Sanktionen nötig seien, um die Digitalisierung in Deutschland voran zu bringen, verneinte Leyck Dieken. Er sagte aber auch: „Ich glaube, es war wichtig, dass die letzte Legislatur nicht auf Freiwilligkeit gesetzt hat. Es wäre die Karawane nicht in Bewegung, wenn nicht eine gewisse Entschiedenheit aus dem BMG gekommen wäre.“ Die Arbeitsweise der Gematik habe sich komplett verändert. Es gebe jetzt nur noch iterative Entwicklungen, die zudem Open Source publiziert würden. „Es wird kein Konzept mehr geben, dessen Plausibilität nicht von einer relevanten Nutzergruppe bestätigt wurde“, sicherte Leyck Dieken zu.

Der Gematik-Chef kündigte für 2023 einen TI-Messenger (TIM) an. Er geht davon aus, dass zunächst sieben bis zehn Firmen den neuen datenbasierten Messenger, der das dokumentenbasierte KIM ablösen könnte, anbieten werden. „Das Gute wird sein: Alle werden miteinander reden können.“

Darauf freuen sich vor allem die Kliniken. TIM erlaube im Gegensatz zu KIM, auch Workflows abzubilden. „Das sind Dinge, die uns hoffnungsfroh stimmen“, sagte der Radiologe Dr. Peter Gocke von der Charité, einer der ersten Chief Digital Officers in deutschen Kliniken. Insgesamt sei die Geschwindigkeit der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen aber furchterregend langsam. So kämpfe man bei der eAU damit, einen einzelnen Zettel per Mail an Krankenkassen zu senden. „Das geht nicht, das muss schneller gehen“, sagte Gocke.

Ein Problem ist aus seiner Sicht, dass viel zu viele Akteure mitspielten. „Es darf nicht passieren, dass ich etwas einführe, was inhaltlich total sinnvoll ist, wie den elektronischen Mutterpass – und dann feststelle, dass Hebammen nicht darauf zugreifen können. Damit verspielen wir das Vertrauen der Patientinnen“, sagte Gocke.

 

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Weigeldt: „Wir Ärzte wollen durch Digitalisierung Zeit gewinnen.“
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HÄV-Chef Weigeldt: „TI-Boykottaufrufe sind Wahlkampfgetöse“

„Aus der Digitalisierung muss man Nutzen ziehen können“, fordert auch Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands (HÄV). „Wir wollen gern Zeit gewinnen. Deswegen sind wir nicht gegen die Digitalisierung, aber sie muss uns Zeit geben“, sagte er. Der HÄV-Chef warb dafür, Digitalisierung nicht verpflichtend einzuführen und nicht mit Sanktionen. Das erwecke den Eindruck, dass das Produkt nicht gut sei. „Wenn es gut läuft und wir sehen, dass es funktioniert, brauchen wir keine Verpflichtung.“ Wenn tatsächlich ein Knopfdruck reiche, damit die eAU zur Krankenkasse fliegt, „dann würde ich sofort zur eAU wechseln“.

Weigeldt zeigte sich überzeugt, dass er mit dieser Auffassung die Mehrheitsmeinung der Ärzte repräsentiert. Die Forderungen verschiedener Berufsverbände nach einem TI-Moratorium, bewertete er als Wahlkampfgetöse. „Vielleicht ist jetzt KV Wahl und sie müssen ein bisschen Krawall schlagen“, sagte er.

Der Bremsklotz sind aus Weigeldts Sicht veraltete Krankenhausinformations- und Praxisverwaltungssysteme. „Wir müssen wahrscheinlich im Zuge der Digitalisierung auch zusehen, dass wir diese Defizite, die wir in den Grundstrukturen der Praxen haben, aufheben und die proprietäre Abschottung der Systeme verhindern“, forderte Weigeldt. Mit der TI sei er wegen der Hardwarebasierung und den Konnektorenaustauschen unzufrieden. „Die TI 2.0 hätte früher kommen können.“ Ein Problem sei auch, dass Deutschland den Datenschutz sehr hoch hänge. „Der hängt bei uns aber so hoch, dass niemand mehr dran kommt“, sagte Weigeldt.

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Quelle ÄND, zuletzt abgerufen 23/06/2022 . 18.04 Uhr Autor: am   https://www.aend.de/article/218665

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